Katharina Sickert, Künstlerin

Einführung zur Ausstellung Wartezimmer


Es gibt ganz verschiedene Arten des Wartens. [...]

Es muss nicht immer ein reales Wartezimmer sein, in dem man sich befindet. Es kann auch ein Wartezimmer im übertragenen Sinne sein. Ein Raum bzw. ein Zeitraum im Leben, in dem man wartet - auf Entscheidungen, auf Veränderungen und auf die Erfüllung von Träumen.

Von diesem Warten erzählt die Künstlerin Sabine Kinast in ihrer Installation und in ihren Bildern.


In dieser Wartezeit ist man auf sich selbst zurückgeworfen. [...] Man kann in Zeiten des Wartens Dinge von verschiedenen Seiten betrachten, von zu starken Gefühlen Abstand gewinnen...

nachsinnen, Entschlüsse fassen, an den Vorhaben und Träumen arbeiten. Auch dieser Aspekt findet sich in den Bildern von Sabine Kinast wieder.

Warten ist auch eine Kunst. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Warten auf den richtigen Zeitpunkt und: den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Im schlimmsten Fall, sein Leben zu „verwarten“... Warten ist der Moment vor dem Losgehen.

[...] In der Ausstellung von Sabine Kinast gibt es gleich zwei Warteräume, die sich stark unterscheiden. Im oberen Raum, dem ersten Raum, sind unterschiedliche Stühle und Sitzgelegenheiten aneinander gereiht. Es hängen Bilder an den Wänden, ansonsten ist der Raum leer. Dies ist das "öffentliche" Wartezimmer. Das ist ein Wartezimmer, wie wir es kennen, in dem jeder Platz nehmen darf, in dem jeder zum Warten eingeladen ist. Und hier in diesem Fall darf der Besucher selbst entscheiden, worauf er denn warten möchte. Wir sind als Besucher eingeladen, uns die Bilder an den Wänden zu betrachten, denn hier haben wir Zeit. [...]

Durchquert man das Wartezimmer, kann man am Ende des Raums eine kleine Stiege hinab steigen. Man betritt einen kleinen Kellerraum. Dieser Raum ist viel voller als das obere Wartezimmer. Sie finden dort persönliche Dinge, ein Klappfahrrad, eine Matratze mit Kissen und Schlafsack, einen Globus... auch hier sind Bilder an den Wänden, aber es sind eher Studien. Auf dem Boden sind Kunstbände gestapelt. Die "Gelben Seiten" von Manhatten liegen rum. Durch die verschiedenen Lichter und die Wandprojektion bekommt der Raum etwas Höhlenartiges. Es ist ein Rückzugsort. Es ist ein persönliches Wartezimmer. Es ist das persönliche Wartezimmer der Künstlerin.

Worauf aber wartet ein Künstler bzw. eine Künstlerin? [...] Schaut man über diesen Abend hinaus, bedenkt man die Situation eines Künstlers im Allgemeinen, so ist dieser Kellerraum Sinnbild für das Warten des Künstlers auf erwünschte Aufmerksamkeit, auf Erfolg, vielleicht auf einen Galeristen. Künstler wünschen sich Resonanz, und die kann man eben nicht erzwingen. Hier kommt auch die durch ein Loch im Fußboden geführte Glocke ins Spiel, die beide Räume miteinander verbindet. Besucher im oberen Wartezimmer können so Kontakt nach unten aufnehmen, ohne sich selbst zu zeigen oder die Künstlerin zu sehen, die während der Öffnungszeiten der Ausstellung in "ihrem" Zimmer ...warten wird!


Nun wende ich mich den Bildern von Sabine Kinast zu.

Ihren Arbeiten liegt ein klarer Bildaufbau zugrunde. Es gibt ein zentrales Geschehen, wodurch die Malerin gekonnt einen Fokus schafft. Die Bilder sind, mit einer Ausnahme, reduziert. Der Hintergrund ist zumeist abstrakt, mit anderen Worten: der Hintergrund illustriert keine Räumlichkeit und verweist damit auf die Farbe selbst. Den Werken ist ein freier, malerischer Duktus zu eigen. [...] Es sind die feinen Stimmungen in ihren Bildern, die sie auszeichnen. Meist sind es eher ruhige Atmosphären. Einige Bilder repräsentieren Wünsche und Träume, vielleicht sind es Träume und Wünsche, auf die die Künstlerin schon viel zu lange gewartet hat. Womit sie uns daran erinnert, dass wohl jeder von uns mindestens einen Traum besitzt, den wir schon viel zu lang vernachlässigt haben.


Andere Arbeiten beschäftigen sich mit der Erinnerung.

So thematisiert „Home (Zuckerland)“ die Kindheit.

Es ist auch das Bild, aus dem Sie ein Detail auf der Einladungskarte sehen. Es zeigt ein kleines Kind in

einer zuckersüßen Umgebung. Es klopft an die Tür eines rosaroten Hauses. Alles scheint idyllisch... vielleicht zu idyllisch, zu rosarot, zu unwirklich. Und schaut man genauer hin, erkennt man, dass es auch

der Künstlerin ein bisschen zu süß war. Sie setzt in

die obere rechte Ecke eine graue Figur mit dunklen Augenringen. Ist das die Zukunft des Kindes? Oder

ist das die Figur, die sich wünscht, in die scheinbar

heile Welt ihrer Kindheit zurückzukehren? Auch dazu kann das Wartezimmer dienen. Wir können es dazu nutzen, noch einmal zurück zu schauen, uns zu erinnern. Wir können Dinge verklären, oder Verklärungen aufheben. Wir können versuchen, aus der Vergangenheit Schlüsse und Folgerungen zu ziehen.


Ein anders Bild thematisiert den Moment der Erschöpfung, der Leere: „Tamayo all empty“.

Da liegt eine Frau auf dem Boden. Der Betrachter sieht sie von der Stirnseite, also in starker Verkürzung. Der Hintergrund verläuft von einem gräulichen Weiß in ein Blaugrau. Es sind kalte Farben, das Bild ist leer bis auf die Frau auf dem Boden mit angewinkelten Beinen und ausgestreckten Armen. Sie scheint erschöpft.
Was hat Leere mit Warten zu tun? Das Bild erinnert an den Moment, in dem man aufgegeben hat zu kämpfen.

Man fühlt sich leer und ist eine Zeit lang nur in der Gegenwart. Es sind seltene Momente, in denen man ganz bei sich ist. Es ist der Augenblick, bevor man neu anfängt, befreit von aller Last.

Als ich dieses Bild das erste Mal sah, kam mir ein Gespräch mit einer Freundin in den Sinn. Wir sprachen über Lebenskrisen, sie sagte: wenn man erst einmal am Boden liegt, ist es gar nicht mehr so schlimm.


Ich möchte noch auf [zwei Arbeiten eingehen, die...] zusammen gehören. Die beiden Personen auf diesen Bildern scheinen das Warten zu beherrschen. Sie wirken nicht ungeduldig, angespannt oder nervös. Sie sitzen bzw. liegen in sich gekehrt, entspannt und doch konzentriert. Es sind asiatische Menschen. Der eine von Beiden ist deutlich als buddhistischer Mönch zu erkennen, er raucht genüsslich eine Zigarre. Die andere Person trägt einen Anzug, sie ist in ein Buch vertieft. Im Hintergrund sind Börsenkurse zu sehen. Die Bilder heißen Big Deal. Warten die beiden Personen gelassen auf das große Börsengeschäft… oder verweisen sie darauf, dass es vielleicht auch andere Werte gibt, die wichtiger sind als wirtschaftlicher Erfolg, und die man ebenfalls als „Big Deal“ bezeichnen kann, weil sie einem vielleicht eine größere Befriedigung verschaffen?

Die Bilder von Sabine Kinast lassen sich auf vielfältige Weise betrachten und interpretieren. Es gelingt

ihr in ihren Arbeiten, Stimmungen zu schaffen, doch verharren sie nicht einfach in einer Atmosphäre,

sie weisen gleichzeitig darüber hinaus. Sie verweisen auf eine inhaltliche Ebene, die den Betrachter nicht belehrt, [sie verleiten] zum Nachdenken, Nachsinnen und zum Nachspüren. Sabine Kinast schafft poetische Bilder!


© 2011 Katharina Sickert

 
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