Anne Prenzler, Kulturwissenschaftlerin

Einführung zur Ausstellung Tauchen 


In den Bildern von Sabine Kinast steht der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung. Männer und Frauen treten ein in nicht-alltägliche Situationen, befinden sich in regelrechten Schwebe-

zuständen, in extremen Grenzsituationen oder scheinen geradewegs im Aufbruch begriffen.

„startklar“ lautet der Titel einer kleinen Arbeit, die einen Menschen in einer Art Astronautenanzug zeigt, auf dessen Rücken sich Flügel oder eher Tragflächen befinden. Alles an dieser Figur drückt Konzentration und die Bereitschaft zum Aufbruch aus. Im Hintergrund ein großer runder Mond, das vermeintliche Ziel des bevorstehenden Flugs? Ansonsten umfängt die Figur ein tiefes Schwarz, das den Bildraum in einen abstrakten Raum transferiert. Und tatsächlich geht es hier nicht um die Frage, wohin dieser einzelne Flug gehen soll, sondern vielmehr um ein ganz gewisses Moment der Spannung vor dem Aufbruch bzw. um die Idee dieser Spannung, denn was die Malerin Sabine Kinast hier schafft, ist die Konkretion einer abstrakten Idee. Der Idee, das Alte hinter sich zu lassen, sich auf eine Reise in Ungewisse zu begeben, denn jede Reise ist im Grunde ein Einlassen auf etwas Neues, Unbekanntes.

In einer Variation des Motivs treffen wir in der Collageserie „Los egal wohin“ auf einen ganzen Schwarm dieser aufbruchsbereiten Flieger, der sich bereits teilweise in Bewegung versetzt hat und sich kopfüber gleich einer Herde Lemminge in ein ungewisses Abenteuer stürzt. Das Motiv des Astronauten erhält in der Konstellation einer Herde einen ironischen und humoristischen Unterton. Dabei wird das individuelle Projekt des einzelnen Abenteurers erweitert um eine soziologische und gesellschaftliche Dimension. Es ist immer ein großer Unterschied, ob sich ein Mensch ins All oder etwa in eine unberührte Natur begibt, oder Tausende.

Und damit sind wir auch schon bei einem Kernaspekt der Malerei von Sabine Kinast: Ausgehend von gefundenen Bildern aus den Medien oder der eigenen Erinnerung entwickelt sie Motive, die symbolhaften Charakter haben, und Figuren, die zu Typen werden. Harald Szeemann hat für dieses Phänomen in der zeitgenössischen Kunst einmal das Wort von den „individuellen Mythologien“ geprägt, was nichts anderes meint als, dass Künstler sich heute nicht mehr auf einen festgelegten Kanon von Sinnbildern beziehen, sondern selbst zu Schöpfern immer neuer symbolischer Variationen werden. Auch Sabine Kinast entwickelt quasi eine eigene Symbolsprache. Und so erzählt die Arbeit „Tauchen“ nicht nur von einer Sportart, sondern in erster Linie von einer Reise ins Ungewisse, denn die Tiefen des Meeres sind mit Sicherheit mindestens so unbekannt und aufregend wie die unendlichen Weiten des Weltalls. Taucher befinden sich fernab jeden Alltags, in einem Zustand der annähernden Schwerelosigkeit. Hier schwimmen sie offenbar am Rande einer Klippe oder eines Tiefseegrabens. Sie begegnen Fischen, die wie ihre eigenen Schattenbilder daher kommen und möglicherweise
begegnen sie auch sich selbst, denn was ist letztlich jede Grenzsituation anderes als eine Konfrontation mit den eigenen Stärken und Schwächen. Auch in dieser Arbeit geht es nicht darum eine einzelne Situation zu erzählen. Vielmehr funktioniert das Motiv in einem universelleren Sinne als Symbol: hier vielleicht als Symbol für die aufregendste Reise überhaupt in das eigene Unterbewusstsein. Zugleich ist es ein sehr poetisches Bild, das malerisch ganz aus der Spannung zwischen Abstraktion und Konkretion lebt. Transparente, lasierend aufgetragene, verlaufende Farben werden mit klar abgegrenzten, opaken Flächen kontrastiert. Ineinander übergehende Formen und Strukturen führen ein regelrechtes Eigenleben, das nur den Gesetzen der Malerei gehorcht und dennoch fügen sich alle Teile zu einem logischen Ganzen einer vielschichtigen Bild-Erzählung. Immer wieder gelingen Sabine Kinast diese wirkungsvollen Verbindungen von reiner, abstrakter Malerei und konkreter Figuration. Es entstehen Momente des Surrealen und der Vieldeutigkeit, die mitunter an den meisterhaften Peter Doig erinnern und damit Bezug nehmen auf den aktuellen Diskurs der figürlichen Malerei.


Häufig verändern sich die Motive mehrmals im Prozess des Malens, erfahren Übermalungen und damit auch Umdeutungen, die letztlich zu den erwähnten Neuschöpfungen von Symbolen und Bildbedeutungen führen. Eine Arbeit, die ich persönlich schon in verschiedenen Zuständen sehen konnte, ist die Reise“.

Ursprünglich geht das Bild zurück auf eine alte Fotografie von einer Nordpolexpedition mit einem Heißluftballon Ende des 19. Jh., von der keiner der Forscher lebend zurückkehrte. Dieses Dokument eines tragisch geendeten Abenteuers ist für Sabine Kinast zunächst Anlass für ein Bild, das vom Traum des Fliegens handelt bzw. vielmehr vom Scheitern dieses Traums. In der letzten Übermalung nun legt sich eine Art Vorhang über den am Boden liegenden Ballon, als sollte dieser dadurch noch schwerer werden. Zugleich führt die Künstlerin damit den Aspekt des Bühnenhaften ein, erklärt die Expedition zum Bestandteil dessen, was man im Barock mit dem Welttheater bezeichnete. Und natürlich hat diese Übermalung auch formale Gründe, schafft einen Kontrapunkt zu der eisigen, leichten, fast ätherischen Atmosphäre des Bildes. Alles auf dem Bild „Reise“ scheint luftig und leicht, fast sphärisch und doch wird dieser Ballon hartnäckig am Boden gehalten – wenn Sie so wollen als bildliche Übersetzung des Begriffes „Angespanntsein“, der im Grunde gerade das meint: die anhaltende Spannung vor dem Losfliegen oder Loslassen.


Ein weiterer zentraler Aspekt der Malerei von Sabine Kinast liegt in einer künstlerischen Strategie begründet, die ich als Erzählung der Körper bezeichnen möchte. In der Arbeit "Tranci connected" sehen wir eine junge Frau,
die gleich einer Schlafwandlerin, vorsichtig tastend und doch sehr zielstrebig in leichter Bekleidung und barfüßig ein Dach besteigt. Auch dies eine extreme Situation, die eine gewisse Gefährdung einschließt. Am dunklen Nachthimmel spielen sich einige Lichteffekte ab, die diese Nacht möglicherweise zu einer ganz besonderen machen. Die eigentliche Aufmerksamkeit aber fokussiert sich auf die Figur, auf ihre tastenden Gesten, auf ihre schutzlosen Füße, die sie in kleinen Schritten behutsam voreinander setzt und der kraftvollen Ausstrahlung ihrer Beine, die ihrem Aufstieg bei aller Vorsicht etwas sehr Entschiedenes verleihen. So drückt die Figur einen seltsamen Zwischenzustand zwischen Abwesenheit und Konzentration, zwischen Träumen und Wachen aus. Der Oberkörper ist leicht vorgebeugt und folgt damit der Schwerpunktverlagerung beim Erklimmen einer steilen Anhöhe. Die leichte Untersicht in der Perspektive verstärkt diesen Eindruck sehr geschickt, so dass der Betrachter förmlich am eigenen Körper nachvollziehen kann, welche äußere und innere Haltung diese Frau gerade einnimmt. Mit der Rückenansicht wird sie zugleich zu einer Projektionsfigur, in die sich der Betrachter einfühlen kann.

Es fällt auf, dass die Körperhaltungen der handelnden Figuren auch in anderen Arbeiten stets ausgesprochen präzise beobachtet sind: der Flieger vor dem Start, an dem jedes Körperteil und auch sein Blick pure Konzentration und Anspannung ausdrücken oder die sich schwerelos und geschmeidig bewegenden Taucher.


Diese Beobachtungsgabe hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Sabine Kinast einige Bühnenerfahrung hat und erst relativ spät zur Malerei gekommen ist. Nach einer Gesangskarriere u.a. als Backingsängerin der Rainbirds in den 1980er Jahren und einem begonnenen Schauspielstudium, widmet sie sich erst seit 2007 in der Hauptsache der Malerei. Sie komplettierte ihre künstlerischen Fähigkeiten an der Europäischen Kunstakademie in Trier und an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg und war zwei Jahre lang Mitglied der Ateliergemeinschaft "Werkstatt Zur Gelben Tasche". Seit April letzen Jahres hat sie ein neues Atelier am Lindener Markt bezogen. [...] Außerdem war sie im vergangenen Jahr an einer wichtigen Gruppenausstellung zum Thema „reich sein“ im Künstlerverein Walkmühle in Wiesbaden beteiligt.


Zum Schluss möchte ich noch auf drei Arbeiten zu sprechen kommen, die mich persönlich sehr fasziniert haben und die zwei Aspekte aufgreifen, die schon angeklungen sind: die Poesie und den Humor. Da wären zunächst der „Badesee“ und der „Schwarze Badesee“, die eine ebenso poetische wie unwirkliche Situation zeigen. Die im Titel angesprochenen Badenden sind als bunte

Badekappenpunkte zu erkennen. In der Tagesversion ist die gesamte Szenerie in einen dichten Nebel gehüllt,

der lediglich einen den See einfriedenden Zaun erkennen lässt. Der Standort des Betrachters ist leicht erhöht,

der Blick wird eingerahmt von einem schmiedeeisernen Tor, das den Zaun unterbricht. Auch hier ist die Wahl der Perspektive entscheidend: Sabine Kinast breitet die Szenerie buchstäblich vor uns aus, lässt uns eintauchen in die jeweils sehr spezifische Atmosphäre, die bei Tage eine große Stille ausstrahlt, von der alle Töne und Farben geschluckt werden – lediglich die erwähnten Badekappen sind als bunte Punkte erkennbar. Der Nebel als Sinnbild des alles negierenden Schleiers, der sich über unsere Alltagswahrnehmung legt, nimmt der Badeszene jegliche Unbeschwertheit. Ähnliches gilt für die Nachtaufnahme, hier werden Bäume zu Schatten und die ganze Szenerie wird von einem glänzenden Schwarz in tiefe Dunkelheit gehüllt, wobei die Badekappen anders als bei Tag eine größere Leuchtkraft entwickeln und den Eindruck erwecken, sie würden wie Lichter auf dem See tanzen, was der gespenstischen Szenerie etwas Festliches verleiht.

Und die letzte Arbeit, auf die ich zu sprechen kommen möchte, ist übrigens die erste, die ich mir bewusst angesehen habe bei meinem ersten Atelierbesuch im vergangenen Sommer und die mir spontan sehr gut gefiel: die „Goldmarie“. Zuallererst ist es tatsächlich der etwas derbe Humor, der aus ihr spricht, der an Martin Kippenberger erinnert. Es ist zudem ein sehr komplexes Bild, weil hier zum einen bestimmte Märchen assoziiert werden, nämlich Frau Holle, aber auch der Goldesel. Und weil es zum zweiten ganz prosaisch an Magersucht, Bulimie und an Krankheiten denken lässt, denn immerhin übergibt sich diese Frau, wenn auch in einer sehr ästhetischen und wenig gequälten Art und Weise. Vielmehr scheint es ein gewollter Vorgang zu sein, aber sie kotzt,
um es mal etwas drastischer auszudrücken (kein schönes Wort, aber eben auch kein schöner körperlicher Vorgang). Die groteske Eleganz, mit der sich diese Frau übergibt, erzeugt das eingangs beschriebene humorige Moment.

In dieser Arbeit zeigt sich wie in einer Zusammen-fassung noch einmal, welche Bedeutung der Körper-sprache in den Arbeiten von Sabine Kinast zukommt

und wie sie es schafft, einzelne Situationen auf eine universelle Ebene zu transferieren und damit Typen

zu schaffen. Und auch auf der formalen Ebene ist die Goldmarie interessant, weil auch hier abstrakter, leerer Bildraum, ornamentale Elemente und konkrete Figürlichkeit aufeinander treffen und ein sinnvolles Ganzes bilden.

Und eine ganz entscheidende Qualität liegt natürlich in der Art und Weise wie hier Geschichten an-erzählt werden: Denn nur so, indem sie stets Fragment und Andeutung bleiben, ergibt sich eine Ambivalenz und Offenheit, die dem Betrachter wiederum den notwendigen Projektionsraum für seine eigenen Geschichten lässt.


© 2011 Anne Prenzler


 
ARBEITENArbeiten_Sabine_Kinast.htmlArbeiten_Sabine_Kinast.htmlshapeimage_1_link_0
VITAVita_Sabine_Kinast.htmlVita_Sabine_Kinast.htmlshapeimage_2_link_0
SABINE KINASTHOME_Sabine_Kinast.htmlHOME_Sabine_Kinast.htmlshapeimage_3_link_0
TEXTText_Sabine_Kinast.htmlText_Sabine_Kinast.htmlshapeimage_4_link_0
KONTAKTKontakte_Sabine_Kinast.htmlKontakte_Sabine_Kinast.htmlshapeimage_5_link_0
IMPRESSUM/DATENSCHUTZ Impressum_Datenschutz_Sabine_Kinast.htmlImpressum_Datenschutz_Sabine_Kinast.htmlshapeimage_6_link_0